reingezappt: dutschke (20:15 – 21:00)retweet
Gegen die Bayern hat es ein ambitioniertes Programm sicherlich schwer; dennoch kein Grund das Doku-Drama im ZDF nicht einzuschalten; wofür zahlen wir schließlich unsere Gebühren. Wer war Rudi Dutschke? Dieser Frage wollen die beiden Filmemacher Daniel Nocke und Stefan Krohmer in ihrer gleichnamigen Dokumentation auf den Grund gehen. Die nachgedrehten Spielszenen werden immer wieder durch Originalaufnahmen und Statements der damaligen Weggefährten unterbrochen. Das alles ist ansprechend aufbereitet; allerdings sei an dieser Stelle die kritische Frage erlaubt, warum das ZDF diese Perle an einem normalen Dienstag gegen die Konkurrenz der Champions-League ins Feld schickt?
Jedem Zuschauer, der den “Baader-Meinhof-Komplex” im Kino gesehen hat, werden (nicht nur) die ersten Szenen der Dokumenation reichlich bekannt vorkommen. Im politisch aufgeheizten Berlin des Jahres 1964 gerät der Zuschauer direkt in die Wirren einer Straßendemo. Der angehende Revolutionär will Passanten vom schurkischen Charakter eines afrikanischen Staatsgastes überzeugen.
Im weiteren Verlauf schwenkt der Film dann in das diskursive Umfeld der studentischen Bewegung ein. Auf die heutige Generation mag das alles sehr verschwurbelt wirken; immerhin hatte Rudi Dutschke gegen die immer noch präsente – bildhafte – Darstellung eines Ché Guevara keine Chance. Hierzu passt die ehrliche Einschätzung eines Weggefährten von damals. Die Welt sei friedlicher und auch besser geworden, so die Aussage. Doch der Anteil Rudi Dutschkes daran war äußerst gering. Wie auch immer. Das Zeitkolorit fängt die Doku sehr plastisch ein. In der WG-Küche wurde vor über 40 Jahren der theoretische Überbau der Revolution in die Tasten einer Schreibmaschine gehauen und in den Hörsälen durfte noch geraucht werden.
Schnitt – 2. Juni 1967 – beim Staatsbesuch des iranischen Schahs in Berlin wird Benno Ohnesorg erschossen. In dieser Situation wurde Rudi Dutschke zur Gallionsfigur der Studentenbewegung und füllte die Hörsäle. Die Reden, so seine Mitstreiter, seien eine Aneinanderreihung endlos langer Bandwurmsätze gewesen; dennoch: Rudi Dutschke hatte ein erstaunliches Charisma und rednerische Fähigkeiten. Glücklicherweise neigt die Doku nicht zur Glorifizierung, auch die Spannungen innerhalb der Studentenbewegung werden nicht ausgespart. Alles in allem sicherlich keine leichte, aber lohnende Fernsehkost. Erstaunlich, dass die Dokumentation (die fast als ein bebildertes Proseminar durchgehen könnte) zur Prime-Time und nicht nach 23 Uhr läuft.
Erstellt am Dienstag 27. April 2010
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