Nach etlichen Wochen finde ich endlich mal wieder die Zeit für eine kleine Tatort-Kritik. “Hauch des Todes” heißt die Folge, in der Kommissarin Odenthal und ihr Assistent Kopper den 50. Fall aus Ludwigshafen lösen. Bei der Wahl der besten TV-Ermittlerin ist meine Wahl knapp, aber am Ende eindeutig. Ulrike Folkerts ist nicht nur am längsten im Geschäft, sondern verkörpert auch die vielschichtigste Figur der Reihe. Ludwigshafen mag nicht der spannendste Ort in Deutschland sein, die Geschichten sind es aber doch.
Ich hatte vor Jahren mal ein Bewerbungsgespräch bei einem der größten Arbeitgeber der Region. Als Fingerübung sollten wir einen Text über die Stadt schreiben. Der Chemiedunst hatte mir nöglicherweise den Geist benebelt, denn ich verstieg mich in eine philosophische Abhandlung über einen Ort, der nur in meiner Fantasie exisitierte und suchte den Geist von Ludwigshafen. Fragen über Fragen bemächtigten sich meiner Wahrnehmung. Sollte sich der Geist dieser Stadt möglicherweise in der funktionalen Fußgängerzone befinden, die sich zwischen nüchternem Beton und einer gradlinigen Straßenführung den multikulturellen Charme eines kleinen Kreuzberg bewahrt hatte. Die Menschen müssen es wissen, ich frage nach: “Ruhig leben könne man hier”. Wofür braucht es dann eine Kommissarin? (dachte ich) Den Job habe ich am Ende nicht bekommen, was mich allerdings auch nicht weiter überrascht hat.
Einen Mörder gilt es auch noch zu jagen: Die Leiche, die Odenthal und Kopper finden, ist wie in einem Kokon eingewickelt. Die Art des Todes weist auf einen früheren Fall hin und bald fügen sich mehrere – bisher ungeklärte Morde – zu einem Gesamtbild zusammen. Um den mutmaßlichen Serienkiller zu überführen, bietet sich die Kommissarin als Lockvogel an. Hallo – geht’s noch; eine starke Frau, auf die es der Killer abgesehen hat, ein Wurm im Ohr, ritualisierte Morde: Da hat der Drehbuchschreiber doch wirklich “Das Schweigen der Lämmer” ein paar Mal zuviel durch den Wolf gedreht. Die Folge ist zwar ganz routiniert gemacht, hat nur einen entscheidenden Schönheitsfehler; der Mörder steht nach weniger als einer halben Stunde fest. Und das dürfte eigentlich nicht sein. Außerdem geht einem die Wasserthematik nach der x-ten Wiederholdung ein bisschen auf die Nerven; aber gut, es ist die Jubiläumsfolge, da will ich mal ein Auge zu drücken.
Erstellt am Sonntag 22. August 2010
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Die Stuttgarter Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) sind noch relativ neu im Geschäft. Dennoch: die Mischung zwischen den beiden Charaktern ist stimmig. Dem Einzelgänger Lannert, dessen dunkler Fleck in der Vita nicht gleich in der Premieren-Folge aufgedeckt wurde, steht der Familienmensch Bootz gegenüber. Die neueste Folge war ein echter Kracher. Der in Krimis gerne eingesetzte Dauerregen am Tatort hätte zwar nicht zwingend sein müssen, der Atmosphäre schadet er aber nicht.
In der Wohnung des Bankangestellten Simon (Stephan Kampwirth) werden Frau und Tochter erschossen aufgefunden. Der mutmaßliche Täter ist auf der Flucht. Nach 40 Minuten ist der wahre Schurke entlarvt: Die kalabrische Mafia in Person eines sinistren Hotelpaten hat Berufskiller auf die Familie des Bankers gehetzt, weil der wiederum einen Millionenkredit nicht zurückzahlen kann. So richtig in Fahrt kam der Sonntagsfilm allerdings erst 20 Minuten vor Schluß; nämlich genau an dem Punkt, als der Sohn (aus der Zweitfamilie) in die Fänge der Mafia gerät. Simon sieht rot und nimmt den Bruder (!) des Mafiapaten als Geisel. Der Psychokrieg endet damit, dass ein Scharfschütze zum finalen Todesschuss ansetzt. Im vermeindlichen Tod liegt in diesem Fall allerdings der Schlüssel in ein neues Leben. Starke Schauspieler – eindringlicher Fall.
Erstellt am Montag 26. April 2010
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Auch in der Wiederholung ist der Tatort aus Münster ein echter Leckerbissen. Börne und Thiel sind TV-Kult und erfreuen sich – ganz zu Recht – einer großen Fangemeinde. Im Grunde sind der unkonventionelle Kommissar und der eitle Gerichtsmediziner wie Mulder & Skully aus dem Münsterland; Akte X auf westfälisch, denn die Handlung ist oftmals bar jeder Realität und hart am Rande der Groteske. So auch in dem Fall “Das zweite Gesicht”. Im bitterkalten Münster tauchen zunächst erfrorene Berber und eine ermorderte Hellseherin auf. Ihre Leiche findet sich pikanterweise in einer Villa, die vor Jahren der Schauplatz eines grausigen Dreifachmordes war. Das Setting könnte einem gut abgehangenen Schauerroman entsprungen sein.
Die Wahrsagerin wiederum wurde von einem psychopathischen Nachbarn observiert, der sich mit einem selbstgebastelten Drahthelm gegen kosmische Strahlen schützen muss. Das Personal des Films ist skurril wie immer. Der längst vergangene Fall wird dann auch noch gelöst; aber wer die Familie Steinhagen ausgelöscht hat, ist im Grunde egal. Die Fans lieben ihren Münster-Tatort für etwas ganz anderes. Thiel zu Börne: “Haben Sie irgendwann mal im Leben eine Meinung revidiert?” Antwort: “Nein, ich hatte immer Recht!” So muss ein Krimi sein.
Erstellt am Donnerstag 22. April 2010
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Borowski ist der Monk unter den deutschen TV-Ermittlern: skurril, grantig und zuweilen neurotisch. Auch der mit Wald- und Seen bedeckte Landstrich im Norden Europas ist für seine wortkargen und mitunter verschlossenen Menschen bekannt. Somit ist es fast nur konsequent, dass die Kieler Mordkommission ihren eigenwilligen Angestellten nach Finnland schickt. Über die Landesgrenzen hinweg haben allerdings auch schon andere Kommissare ermittelt; wer denkt hier nicht an Schimanski und seine Ausflüge nach Amsterdam.
So weit – wie Borowski – hat es aber noch keiner geschafft: Karelien liegt an der russischen Grenze; eine Gegend, wo es im Sommer niemals dunkel wird und der Winter kein Morgen kennt. Beste Voraussetzungen, um in der Mittsommernacht vollends den Verstand zu verlieren. In Helsinki soll der Kieler Kommissar einen 17-jährigen Jugendlichen vernehmen, der eines Mordes beschuldigt wird. Die Dienstfahrt endet allerdings nicht in der finnischen Hauptstadt, sondern – wie bereits erwähnt – 600 Kilometer weiter nördlich in einem Camp für erziehungsunwillige Teenager. Fehlende Vorhänge, nervende Insekten und die nicht enden wollende Helligkeit setzen Borrowski mächtig zu. Dass der verdächtige Ex-Junkie dann auch noch samt Waffe und Wagen durchbrennt, vervollständigt die missliche Lage, in der sich Borowski und sein finnischer Kollegen Mikko wiederfinden. Geplagter Polizist, der einen Mord in der Wildnis aufklären soll; kommt mir irgendwie bekannt vor.
Hollywood hat dieses Szenario mit “Insomnia” bereits 2002 in prominenter Besetzung verfilmt. Al Pacino spielt einen Cop des Los Angeles Police Department, der sich mitten in Alaska wiederfindet, um ebenfalls den Mord an einem Heranwachsenden zu bearbeiten. Die titelgebende Schlaflosigkeit führt den tragischen Helden in einen Zustand des Deliriums. Im deutschen Pendant plagt Borowski nicht nur der mangelnde Schlaf, sondern auch die halluzinogene Wirkung von Waldpilzen. Ob sich der Finne Hannu Salonen von Batman-Regisseur Christopher Nolan bei seiner Adaption des Stoffs hat inspirieren lassen oder nicht; seine Interpretation des “Zivilisation-trifft-auf-Wildnis” Themas ist – auf die TV-Ebene heruntergebrochen – ebenfalls ein Volltreffer.
Nichts ist melancholischer, als der finnische Tango. Und in welchem Fernsehkrimi hat es schon mal den Fall gegeben, dass die spröde Beziehung zwischen Psychologin und Kommissar mit einem kryptischen Gedicht im Mittsommer endet; sonderbar und einfach nur sehenswert.
Erstellt am Samstag 3. April 2010
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Was den Tatort angeht, sind die Hamburger nach dem eher behäbigen Duo Stoever/Brockmöller in den vergangenen Jahren neue Wege gegangen. Erst war es Robert Atzorn, der als Kommissar und alleinerziehender Vater Jan Casttorff das Prinzip Patchwork lebte und nicht als “lonesome rider” das triste – und vielleicht auch stereotype – Dasein eines Ermittlers verkörpen musste. Mit dem jüngsten Neuzugang an der Elbe kehrt der NDR zwar zum eher traditionellen Bild des schnüffelnden Einzelgängers zurück, erweitert das Tableau allerdings um eine – für den Tatort – neue Variante: Mehmet Kurtulus alias Cenk Batu ist undercover im Milieu unterwegs und löst seine Fälle in bester James-Bond-Manier als Mann ohne Vergangenheit. So verschlossen der Mensch, so karg auch das Mobiliar in der anonymen Großstadtsiedlung mit Blick auf ein Parkhaus (“Dahinter ist das Meer”). Als einziger Zeitvertreib bleibt ihm eine Partie Schach mit seinem Vater; die Züge werden über das Telefon ausgetauscht.
In der neuen Folge “Vergissmeinnicht” ist allerdings alles anders. Der einsame Ermittler darf sich verlieben. Batu wird in die Entwicklungsabteilung eines Flugzeigbauers eingeschleust; es geht um geheime Konstruktionspläne, gehackte Rechner und ein mysteriöses Projekt namens Silizium 3. Gruppenleiter Holger Lichtenhagen möchte reden und stellt dem V-Mann des LKA den Posten des persönlichen Referenten in Aussicht. Die Personalie lockt Neider auf den Plan und bevor es zu einem Vier-Augen-Gespräch kommen kann, liegt Lichtenhagen erschossen an der Elbe. Am Grab des Toten lernt er dessen Tochter Mia Andergast kennen (gespielt von Désirée Nosbusch – im wahren Leben die Freundin von Mehmet Kurtulus). Es kommt zu einer Romanze, die allerdings ein dunkles Geheimnis in sich birgt.
Das Setting des Films kann überzeugen, die Spannung leider nicht. Obwohl ein splitscreen à la “24″ auf das amerikanische Vorbild hindeutet; hier ist nicht der hanseatische Jack Bauer am Werk. In der jüngsten Umfrage ist der undercover-Ermittler von der Elbe übrigens zum unbeliebtesten Tatort-Ermittler gewählt worden. Doch in diesem Fall kommt es nicht darauf an, ob ein Kommissar – den die Autoren als einen Charakter ohne Eigenschaften angelegt haben – zur Identifikationsfigur taugt; es ist allein der Krimifaktor, der zählt. Und da ist mein Votum in diesem Fall leider eindeutig. Nächstes Programm bitte!
Erstellt am Sonntag 28. März 2010
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