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Meine erste Reise in die USA führte mich in ein Land, das ich bis dahin überhaupt nicht auf der Agenda hatte; ganz im Gegenteil. Immerhin war es eben jener Landstrich im Süden der Vereinigten Staaten, der sich vor rund zehn Jahren bei der damaligen Präsidentenwahl nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte. Die Wahl-Automaten funktionierten nach dem Lochkartenprinzip und eben jenes altmodisch anmutende Medium – die Lochkarte – musste qua Gerichtsbeschluss neu ausgezählt werden. Wir kennen den Ausgang der Geschichte, aber ja, es ging nach Florida abseits von Disney World an den Golf von Mexiko. Im Bordprogramm der Star Alliance lief damals übrigens “Die Insel” mit Ewan McGregor und Scarlett Johansson, “Die Fantastischen Vier” - eine Bernd Eichinger Produktion – und “Charly und die Schokoladenfabrik” von Tim Burton. Der folgende Text ist in der Wochenende-Ausgabe des “Westfälischen Anzeigers” erschienen.
“Als ich geboren wurde, sprachen hier noch alle griechisch”, sagt George Billiris und schlürft an seinem Kaffee, der einer pechschwarzen Suppe ähnelt. Und würde eben diese pechschwarze Suppe nicht in einem für das Land typischen Pappbecher serviert, die Illusion wäre nahezu perfekt. George Billiris würde irgendwo in der griechischen Ägäis in einem Kutter sitzen und seine Ernte einfahren. Die Ernte, das sind in diesem Fall Naturschwämme. Nur dass die Felder nicht das Mittelmeer, sondern der Golf von Mexiko sind.
George, den alle nur beim Vornamen rufen, ist beinahe achtzig Jahre alt. Aber wenn er so erzählt, von der Tradition des Tauchens, die über Generationen hinweg weitergegeben wurde, dann wirkt es beinahe so, als wolle er niemals auch nur einen Deut kürzer treten. Alle kennen ihn, und er kennt sie natürlich auch alle, die in Tarpon Springs, am nördlichen Zipfel des Pinellas County, nach Schwämmen tauchen.
Während Europa im Frost versinkt, hat Florida während der Wintermonate ein warmes Klima. Im November z.B. liegt die durchschnittliche Tagestemperatur bei 27 Grad. Der Westen Floridas sei milder und das Wasser im Golf von Mexiko wärmer als das im Atlantik, heißt es. Die sanfte Brandung umspült den badewilligen Gast mit 25-Grad warmen Wasser. Zudem sind die Strände und Hotels alles andere als überfüllt; eigentlich die ideale Nebensaison.
Weiter südlich dann, rund um die Tampa Bay und entlang des Golfs, reihen sich die weißen Strände an vorgelagerten Inseln auf. In ganz Florida auf einer Länge von rund 13.000 Kilometern. Was die Gegend rund um die Bucht ganz besonders auszeichnet, ist ihre Ruhe abseits des Großstadttrubels. Allein die schnurrenden Klimaanlagen sind, zumindest akustisch, ein ständiger Begleiter. Und obwohl der unbedarfte Reisende zunächst an Disney World, Miami Beach oder das Kennedy Space Center denken mag, erwartet ihn im westlichen Teil ein ganz anderes Florida.
“Wir sind nicht Mickey Mouse”, betont George Billiris. Und als ob es eines Beweises bedürfte, schlendert er durch die Straßen am Hafen, die von rund 150 Souvenirshops und griechischen Restaurants gesäumt werden. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurde die griechische Enklave Tarpon Springs gegründet. Damals waren rund 95 Prozent der Einwohner griechischen Ursprungs. Heute sind es immerhin noch über die Hälfte. Doch irgendwann sei das Band gerissen. Das Band zwischen Vater und Sohn, das die Tradition des Schwammtauchens weiterführt.
Eine Tradition, die allerdings auch nach fast hundert Jahren noch unverändert weiterlebt, ist alljährlich am 6. Januar zu bestaunen: Die jungen Männer der Stadt tauchen nach einem Holzkreuz, das ein Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche im Hafenbecken versenkt. Fast wäre auch George einmal unter den Glücklichen gewesen; doch damals, 1946, brach das Kreuz in drei Teile. In dieser Zeit war er nur einer unter 500 Tauchern, die auf 180 Booten verteilt den Golf von Mexiko durchpflügten. Heute sind nur noch 35 Wagemutige übrig geblieben, die nach den Schwämmen tauchen.
Dabei übersteigt die weltweite Nachfrage die tatsächlich vorhandene Menge um das acht- bis zwölffache. “Das Problem ist der Nachwuchs”, sagt George dementsprechend. Wie die Arbeit eines Tauchers vor rund einem halben Jahrhundert aussah, das demonstriert Kapitän Cloy und der 25-jährige Travis Jewel, der sich in einen rund 50 Kilogramm schweren Anzug zwängt.
Der Kutter, wie eigentlich die ganze im Hafen vor Anker liegende Flotte, ist nach dem Schutzpatron der Schwammtaucher von Tarpon Springs, dem heiligen Nicholas, benannt. So tuckert die “Saint Nicholas VII” ein Weilchen durch das Hafenbecken, bevor Travis Jewel über die Reling springt und mit seinem Erntewerkzeug den Grund des Hafenbeckens beharkt. Die Schwämme sind übrigens zuvor an dieser Stelle kultiviert worden.
Viel interessanter ist hingegen deren Weiterverarbeitung. In einem weiß getäfelten Kontor lagert George seine Schwämme in käfigartigen Holzverschlägen, die jeweils nach Größe und Art der Ware beschriftet sind. Immerhin tauchen die Lebensformen in unterschiedlichster Gestalt auf: als Grassschwämme, Fingerschwämme, Wollschwämme, Drahtschwämme oder gelbe Schwämme. Insgesamt gibt es 14.000 Arten, von denen allerdings nur fünf kommerziell genutzt werden. Und während George erzählt, schnippelt der 81-jährige Tony Spanolios mit einer robusten Eisenschere an den Schwämmen herum und bringt sie in die gewünschte Form.
Der weiße Sand fühlt sich an, wie ein Flokatiteppich
Weiter südlich, an der Spitze des Pinellas County, erwartet den Besucher ein ganz anderes Bild. Statt Hafen und Schwammfolklore nichts als Strand und Natur: “Hier ist alles echt!”, sagt Park-Ranger Hugh Fagan stolz. Der gesamte Park erstreckt sich über fünf Inseln. Doch das ganze wäre kein amerikanisches Freizeitvergnügen, wenn nicht ausreichend Parkplätze zur Verfügung stünden. Im Winter ist das weiträumige Areal normalerweise leer. Nur hier und da verliert sich ein Auto in der Weite der Anlage. Auch am Strand herrscht nicht gerade Gedränge. Und ist das Badetuch ersteinmal ausgebreitet und der Sonnenschutz aufgetragen, ist der Blick frei für die Schönheiten der Natur. Der weiße Sand fühlt sich an, wie ein Flokatiteppich und das Wasser hat eine smaragd-grüne Farbe. Und wenn nicht hin und wieder ein Powerboat vorbeibrummen würde, es wären nur die Geräusche des Meeres zu hören – und sonst nichts.
Erstellt am Sonntag 21. März 2010
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