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Spoiler Island

„Shutter Island“ ist der erste Film, den ich mir im Kino angesehen habe, obwohl ich das Ende schon kannte. Nichtsahnend schaute ich mir den Trailer auf Youtube an, als mein Blick nur für einen kurzen Moment in die Liste der Kommentare abschweifte, die jeden Videobeitrag üblicherweise begleitet: „Leo tötet seine Frau, die wiederum seine Kinder getötet hat. Nun könnt ihr euch die 12 Dollar Eintrittsgeld sparen“. Der Schreiber hatte den Psycho-Thriller zweifelsohne in den USA gesehen, soviel war sicher; viel schlimmer jedoch: Es  war passiert und ich konnte es nicht mehr rückgängig machen. Der in den Feuilletons  gerühmte „plot twist“ – schockierend, bahnbrechend – war dahin. Aus und vorbei.

Doch warum nicht aus der Not eine Tugend machen? Diesmal gab ich meiner Sehgewohnheit einfach eine andere Richtung. In der analytischen Psychologie formuliert man den projizierten Ausgang eines möglichen Ereignisses von seinem Ursprung her. Beispiel: Was muss im Verlauf der Handlung passieren, damit Leo den Eindruck gewinnen könnte, der Mörder seiner Frau zu sein? Gibt mir das Drehbuch auf dem Weg zur conclusio versteckte Hinweise, die ein unbedarfter Zuschauer nicht ohne das mir zur Verfügung stehende Hintergrundwissen deuten könnte.

Worum geht’s? Die US Marshalls Teddy Daniels (Leonardo di Caprio) und Chuck Aule (Mark Ruffalo) untersuchen einen Fall auf Shutter Island. Heute würde man wohl sagen, sie begeben sich in die Sphären der forensischen Psychatrie, damals – also kurz nach Ende des 2. Weltkriegs – war es eher ein Irrenhaus für geistesgestörte Straftäter. Ben Kingsley mimt den Anstaltsarzt, der zunächst die humane Seite des Vollzugs verkörpert. Die Insassen sollen nicht „lobotomiert“, sondern therapiert werden. Ein bisschen hat mich das übrigens an „Einer flog über’s Kuckucksnest“erinnert. Eine Patientin ist verschwunden und die Cops ermitteln. Teddy wittert eine Verschwörung und vermutet, dass die Regierung in chirurgische Experimente verwickelt ist.

Im Laufe der Handlung vermischt sich profesionelle Motivation mit persönlichem Schicksal. Die Musik von Gustav Mahler versetzt Teddy zurück in die Zeit als Soldat und lässt ihn die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau erneut durchleben. Der Ort der Erkenntnis oder vielleicht auch der Erlösung ist ein Leuchtturm; hier sollen die grausamen Operationen stattgefunden haben. Mit einem Gewehr bewaffnet erstürmt Teddy den Turm und findet – sich selbst. Er ist der gefährlichste Insasse auf Shutter Island. Sieht man den Film von seinem Ende her, gibt es viele Hinweise auf den Ausgang. Die zunächst verschwundene Patientin erzählt ihm davon, dass ihre drei Kinder noch leben, obwohl sie tot sind und gibt damit im Grunde seine – also Teddys Geschichte – wieder.

Der Ausgang des Films lässt allerdings noch reichlich Platz für Spekulationen; vielleicht deutet der versteckte Eispickel auf die „chirurgischen“ Eingriffe hin. Und warum taucht der Leuchttum in der letzten Einstellung auf: Ist er also doch der von Teddy vermutete Ort des Schreckens? Als Fazit bleibt jedoch: Der Film läßt mich- trotz aller Tragik und Gewalt – relativ unberührt. Und die Auflösung hat man an anderer Stelle (siehe „The Sixth Sense“) auch schon besser gesehen.

… gilt nicht im 3D-Kino

Hier die Kolumne über die Freuden des solitären Kinoschauens, damals erschienen auf der Jugendseite des „Patriot“. Die Kolumne hieß seinerzeit „Dicke Lippe“. Ich weiß gar nicht, ob es die heute überhaupt noch gibt? Den Text habe ich allerdings um einige Passagen ergänzt und aktualisiert. Ich gehe am liebsten nachmittags ins Kino. Filme sollten eigentlich nur am Nachmittag gezeigt werden. Als ich noch Student war (oder Arbeit suchend, Anm. d. Red) konnte ich dieser Leidenschaft natürlich häufiger nachgehen, als jetzt. Aber hin und wieder finde ich auch heute noch die Zeit für einen nachmittäglichen Kinobesuch.

So kann es schon mal vorkommen, dass ich alleine in einem Kinosaal sitze, der an einem x-beliebigen Wochenende mit mehreren hundert Cineasten gefüllt wäre. Aber was rede ich da! Habe ich Popcorn-mampfende Kinobesucher wirklich als Cineasten bezeichnet?

Ich für meinen Teil würde den Verzehr von Popcorn im Kino schlichtweg verbieten. Auch riesige Pappeimer oder Getränkebecher im XXL-Format hätten in meiner Kinowelt keinen Platz. Es war glaube ich beim Besuch von „Shutter Island“, als ich mir ein kleines Softgetränk an der Theke gönnen wollte.  Die Servicekraft schaute mich irritiert an, als ob ich etwas Verbotenes getan oder zumindest gedacht hätte:

„Äh, klein wird eigentlich überhaupt nicht mehr nachgefragt“, sagte sie.

„Klein“ (oder das was Sie – die Mitarbeiterin –  darunter verstand) bedeutet im Jahr 2010 ein Becher mit einem Volumen von 0,5 Liter. Der Otto-Normal-Besucher geht heute nicht unter 1 Liter in den Kinosaal, XXL steht für eine Steigerung um weitere 500 ml (auch nich gerade selten). Und wer die Dreistigkeit besitzt und nach einem 0,3 Liter fassenden Behältnis fragt, sollte sich überlegen, ob er noch alle Murmeln beisammen hat. Aber damit ist das Film-Menü noch lange nicht komplett: Hinzu kommen noch die Weizenpampe aus einem an dieser Stelle nicht genannten südamerikanischen Land, Schokodrops oder aber ein Eis der Marke Lagnese.

Ich weiß, irgendwie muss die Kohle für das Cineplex und die millionenschwere digitale 3D-Projektion ja reinkommen, aber die Ticketpreise haben sich in den vergangenen Jahren ja nicht gerade nach unten entwickelt. Ich weiß noch genau: es war in Lippstadt an einem ganz normalen Wochentag, auf dem Programm stand „Spidermann 3“, Preis: 9,80 Euro. Damals habe ich mich aufgeregt, ob wir denn jetzt schon in Hamburg oder München seien. Heute wundert es micht, wenn die Karte überhaupt mal unter zehn Euro über den Landentisch geht. So ändern sich die Zeiten. Mir ist neulich auch die Kinnlade runtergefallen, als der Apotheker doch glatt sagte, dass das von mir gewählte Medikament „Zuzahlungsfrei“ frei.

WIE BITTE?, kann ich das nochmal hören: ZUZAHLUNGSFREI, so etwas gibt’s noch. Ich schweife ab; zurück zum Thema. Genau, der (fast) leere Saal. Der Kinobesuch wird durch nichts getrübt. Auch nach Ende des Films ein völlig ungewohntes Bild. Wo sonst hektisch zum Ausgang strömende Menschen den Blick auf die Leinwand trüben, bietet sich mir eine freie Sicht. Der Abspann läuft ungestört und in voller Breite. Ein Traum! Warum können Filme nicht immer am Nachmittag gezeigt werden.