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Verschachtelte Träume

Eines gleich vorweg: Inception von Kinovisionär Christopher Nolan ist ein toller Film und visuell nicht nur eine wahre Freude, sondern eine Wucht. Ich habe mich knapp drei Stunden prima unterhalten gefühlt. Allerdings plündert der Regisseur auch kräftig im filmischen Fundus der vergangenen Jahre. Vieles kam mir einfach bekannt vor: Die Kampfszenen, wie eigentlich auch die zugrundeliegende Storyline sind der Matrix entliehen (auch in eXistenZ wird ein ähnlicher Plot erzählt), die zünftige Ballerei in der Schneefestung erinnert frappierend an Resident Evil und die wohl entschiedenste Szene des ganzen Films ist einem Superklassiker der Filmgeschichte entliehen.

Als Fabrikantensohn Robert Fischer (Cilian Murphy) in seinem Traum an das Sterbebett seines Vaters tritt (das sich bezeichnender Weise in einem großen Panzerschrank befindet), findet er in einem kleineren Tresor nicht nur das Testament, sondern auch einen längst verschollenen Gegenstand seiner Vergangenheit. Stand im großen Vorbild von Orson Welles ein Schlitten für die verlorene Kindheit des (vermeindlichen) Helden, so tritt in Nolans Film ein Windrad an dessen Stelle. Im Moment der Erkenntnis wird dem Protagonisten bewusst, dass er sich vom Vater emanzipieren und auf eigenen Beinen stehen muss.

Ob das am Ende nun der eingepflanzte Gedanke sein soll oder nicht, bleibt meiner Meinung nach offen (wie so vieles andere auch in diesem fantastischen Werk). Ein weiterer echter Kunstgriff des Films ist der Gebrauch der Zeit. Üblicherweise lässt sich ein Film in „Erzählzeit“ und „erzählte Zeit“ aufteilen. Während der Plot über einen Zeitraum von ca. 120 Minuten gestrickt wird, können im Film Monate oder aber Jahre vergehen. In den verschachtelten Traumebenen werden dann Minuten zu Stunden, Wochen zu Monaten und Monate zu Jahren. Und all das geschieht parallel über drei Traumebenen hinweg.

Es gibt zu der Geschichte an sich mehr als eine Theorie; zumal sich der Zuschauer ja auch aussuchen kann, ob der Kreisel am Ende fällt oder nicht. Doch zwei Ansätze finde ich zumindest einer Diskussion würdig. Ein Zugang könnte sein, dass Leonardo di Caprio alias Cobb sich überhaupt nicht in einer realen Welt befindet, sondern permanent auf einer Traumebene exisitiert. Dafür würde sprechen, dass er sich stetig auf der Flucht befindet und seiner Schülerin in einem imaginären Paris erklärt, dass die Traum-Projektionen aggressiv werden und ihn Traumgänger verfolgen könnten. Ein radikal davon abweichender Ansatz wäre die Überlegung, dass nicht er, sondern seine Frau durch den Sprung in den Tod in einem realen Leben aufwacht.

Spoiler Island

„Shutter Island“ ist der erste Film, den ich mir im Kino angesehen habe, obwohl ich das Ende schon kannte. Nichtsahnend schaute ich mir den Trailer auf Youtube an, als mein Blick nur für einen kurzen Moment in die Liste der Kommentare abschweifte, die jeden Videobeitrag üblicherweise begleitet: „Leo tötet seine Frau, die wiederum seine Kinder getötet hat. Nun könnt ihr euch die 12 Dollar Eintrittsgeld sparen“. Der Schreiber hatte den Psycho-Thriller zweifelsohne in den USA gesehen, soviel war sicher; viel schlimmer jedoch: Es  war passiert und ich konnte es nicht mehr rückgängig machen. Der in den Feuilletons  gerühmte „plot twist“ – schockierend, bahnbrechend – war dahin. Aus und vorbei.

Doch warum nicht aus der Not eine Tugend machen? Diesmal gab ich meiner Sehgewohnheit einfach eine andere Richtung. In der analytischen Psychologie formuliert man den projizierten Ausgang eines möglichen Ereignisses von seinem Ursprung her. Beispiel: Was muss im Verlauf der Handlung passieren, damit Leo den Eindruck gewinnen könnte, der Mörder seiner Frau zu sein? Gibt mir das Drehbuch auf dem Weg zur conclusio versteckte Hinweise, die ein unbedarfter Zuschauer nicht ohne das mir zur Verfügung stehende Hintergrundwissen deuten könnte.

Worum geht’s? Die US Marshalls Teddy Daniels (Leonardo di Caprio) und Chuck Aule (Mark Ruffalo) untersuchen einen Fall auf Shutter Island. Heute würde man wohl sagen, sie begeben sich in die Sphären der forensischen Psychatrie, damals – also kurz nach Ende des 2. Weltkriegs – war es eher ein Irrenhaus für geistesgestörte Straftäter. Ben Kingsley mimt den Anstaltsarzt, der zunächst die humane Seite des Vollzugs verkörpert. Die Insassen sollen nicht „lobotomiert“, sondern therapiert werden. Ein bisschen hat mich das übrigens an „Einer flog über’s Kuckucksnest“erinnert. Eine Patientin ist verschwunden und die Cops ermitteln. Teddy wittert eine Verschwörung und vermutet, dass die Regierung in chirurgische Experimente verwickelt ist.

Im Laufe der Handlung vermischt sich profesionelle Motivation mit persönlichem Schicksal. Die Musik von Gustav Mahler versetzt Teddy zurück in die Zeit als Soldat und lässt ihn die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau erneut durchleben. Der Ort der Erkenntnis oder vielleicht auch der Erlösung ist ein Leuchtturm; hier sollen die grausamen Operationen stattgefunden haben. Mit einem Gewehr bewaffnet erstürmt Teddy den Turm und findet – sich selbst. Er ist der gefährlichste Insasse auf Shutter Island. Sieht man den Film von seinem Ende her, gibt es viele Hinweise auf den Ausgang. Die zunächst verschwundene Patientin erzählt ihm davon, dass ihre drei Kinder noch leben, obwohl sie tot sind und gibt damit im Grunde seine – also Teddys Geschichte – wieder.

Der Ausgang des Films lässt allerdings noch reichlich Platz für Spekulationen; vielleicht deutet der versteckte Eispickel auf die „chirurgischen“ Eingriffe hin. Und warum taucht der Leuchttum in der letzten Einstellung auf: Ist er also doch der von Teddy vermutete Ort des Schreckens? Als Fazit bleibt jedoch: Der Film läßt mich- trotz aller Tragik und Gewalt – relativ unberührt. Und die Auflösung hat man an anderer Stelle (siehe „The Sixth Sense“) auch schon besser gesehen.