reingezappt: tatort – tango für borowskiretweet
Borowski ist der Monk unter den deutschen TV-Ermittlern: skurril, grantig und zuweilen neurotisch. Auch der mit Wald- und Seen bedeckte Landstrich im Norden Europas ist für seine wortkargen und mitunter verschlossenen Menschen bekannt. Somit ist es fast nur konsequent, dass die Kieler Mordkommission ihren eigenwilligen Angestellten nach Finnland schickt. Über die Landesgrenzen hinweg haben allerdings auch schon andere Kommissare ermittelt; wer denkt hier nicht an Schimanski und seine Ausflüge nach Amsterdam.
So weit – wie Borowski – hat es aber noch keiner geschafft: Karelien liegt an der russischen Grenze; eine Gegend, wo es im Sommer niemals dunkel wird und der Winter kein Morgen kennt. Beste Voraussetzungen, um in der Mittsommernacht vollends den Verstand zu verlieren. In Helsinki soll der Kieler Kommissar einen 17-jährigen Jugendlichen vernehmen, der eines Mordes beschuldigt wird. Die Dienstfahrt endet allerdings nicht in der finnischen Hauptstadt, sondern – wie bereits erwähnt – 600 Kilometer weiter nördlich in einem Camp für erziehungsunwillige Teenager. Fehlende Vorhänge, nervende Insekten und die nicht enden wollende Helligkeit setzen Borrowski mächtig zu. Dass der verdächtige Ex-Junkie dann auch noch samt Waffe und Wagen durchbrennt, vervollständigt die missliche Lage, in der sich Borowski und sein finnischer Kollegen Mikko wiederfinden. Geplagter Polizist, der einen Mord in der Wildnis aufklären soll; kommt mir irgendwie bekannt vor.
Hollywood hat dieses Szenario mit “Insomnia” bereits 2002 in prominenter Besetzung verfilmt. Al Pacino spielt einen Cop des Los Angeles Police Department, der sich mitten in Alaska wiederfindet, um ebenfalls den Mord an einem Heranwachsenden zu bearbeiten. Die titelgebende Schlaflosigkeit führt den tragischen Helden in einen Zustand des Deliriums. Im deutschen Pendant plagt Borowski nicht nur der mangelnde Schlaf, sondern auch die halluzinogene Wirkung von Waldpilzen. Ob sich der Finne Hannu Salonen von Batman-Regisseur Christopher Nolan bei seiner Adaption des Stoffs hat inspirieren lassen oder nicht; seine Interpretation des “Zivilisation-trifft-auf-Wildnis” Themas ist – auf die TV-Ebene heruntergebrochen – ebenfalls ein Volltreffer.
Nichts ist melancholischer, als der finnische Tango. Und in welchem Fernsehkrimi hat es schon mal den Fall gegeben, dass die spröde Beziehung zwischen Psychologin und Kommissar mit einem kryptischen Gedicht im Mittsommer endet; sonderbar und einfach nur sehenswert.
Erstellt am Samstag 3. April 2010
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