lost in norddeutschlandretweet
Die Bahn und ich; das war eine große Liebe – ein Bund, den niemand so leicht zerschmettern konnte. Nun liegt er in Scherben; fast. Die vergangenen zwei Wochenenden haben meine Geduld auf eine harte Probe gestellt.
Bisher war ich der Meinung, dass das entspannte Reisen auf der Schiene ein erstrebenswerter Zustand der Fortbewegung sei. Ich würde mich sogar der Bahn als Schreiber andienen, als “writer in residence” – ein Chronist des Zugabteils – der Deutschland auf dem Rücken einer Diesellok bereist und dem Puls der Nation nachspürt. Nehme ich allerdings das vergangene Wochenende als Maßstab, dürfte der Puls kurz vor einem Infarkt sein. Gekrönt wurde meine norddeutsche Odyssee der abgelaufenen Woche durch einen Blitzeinschlag in Scheeßel. Die elektrischen Teilchen hatten sich just in das Innere eines Stellwerks verirrt und die Verkabelung zertrümmert: “Techniker sind unterwegs; daher wird sich die Weiterfahrt um 15-20 Minuten verzögern”, schnarrte es aus dem Lautsprecher; “thank you for travelling with Deutsche Bahn”, dachte ich bei mir.
Als ich diese Zeilen in meinen Notizblock schrieb, zeigte das Display 22:20 Uhr an und wir hatten Buchhholz in der Nordheide gerade verlassen. Am Ende stand der Zug geschlagene 50 Minuten auf dem Gleis im Nirgendwo zwischen Hamburg und Bremen. Die Stimmung war trotzalledem gelassen und hinter mir blieb sogar noch Zeit für eine tiefgründig-psychologische Diskussion. Da hatte doch ein Reisender ganze 43 Bücher seines Lieblingsautors gekauft (“Für den Fall, dass man mal eins verschenken muss”) - super Plan, dachte ich so bei mir und das Wetterleuchten feuerte im Hintergrund ein beeindruckendes Schauspiel ab.
Erst zwei Tage zuvor durchlitt ich den “Schienenersatzverkehr”; an einem Freitag, wo doch eh schon alle Züge zum bersten voll sind. Was ich nicht verstehe ist: Wenn die Bahn doch weiß, dass eine bestimmte Verbindung am Freitag nachmittag regelmäßig (also immer) absolut überfüllt ist, wenn die Pendler von Bremen nach Hamburg so gerade noch in den Gängen Platz finden, warum in Gottesnamen wird der Zug nicht verlängert – oder noch besser – die komplette Strecke mit mehreren Fahrzeugen bedient?
Ich hoffte, die Streckensperrung bzw. die Reparaturarbeiten seien bis Sonntag behoben. OK, der “Schienenersatzverkehr” war einer einspurigen Befahrung der Gleise gewichen; aber nichtsdergleichen war im Vorfeld angekündigt worden; keine Aktualsisierung im Internet, keine Durchsage am Bahnsteig – nichts. Ich stieg in den Schleswig-Holstein-Express, ohne zu wissen, dass die Fahrt in Neumünster aufs Neue enden würde. In Hamburg war natürlich der Anschlusszug weg und die Ankunft am Zielort hatte sich bereits jetzt um 60 Minuten verzögert – dann kam der Blitz.
Erstellt am Samstag 12. Juni 2010 von Jari Wieschmann, Keine Kommentare »
Kategorie: Allgemein
Tags: Bahnfahren, Thank you for travelling with deutsche bahn
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